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13 , 2008

Brisbane / der Jobclub / Windorah / die Flucht ins wahre Outback

Allgemein — posted_by mellizo1 @ 22:25

Wir waren nun also aus dem schlimmsten Hostel das wir je gesehen hatten ausgezogen und auf dem Weg, in das „Base Palace Backpackers“ einzuziehen. Dieses Hostel hat nicht nur den Vorteil, dass es mehr als zentral (in der Nähe der Queens Plaza) gelegen ist und ein eigenes Internet Cafe hat, sondern auch einen (und das war für uns das Entscheidende) Jobclub. Wir checkten also bereits am frühen Morgen ein und inspizierten neugierig das gesamte Hostel.

Die Duschen waren einigermaßen sauber, unser Zimmer riesig groß, Telefone an jeder Ecke und der Club, der unter unserem Hostel lag, lockte mit täglichen Angeboten, die ähnlich wie im „Westend“ per Lautsprecherdurchsage verkündet wurden. Im Großen und Ganzen schien dies also ein recht angenehmes bzw. normales Hostel zu sein.

Was uns jedoch viel mehr interessierte war der Jobclub, welcher in uns die stille Hoffnung auf einen Job hervorrief. Wir erkundigten uns nach den Öffnungszeiten und saßen bereits am gleichen Nachmittag mit ca. 20 anderen verzweifelten Backpackern vor dem Schreibtisch der Jobvermittlung. Nach einigen Minuten des Wartens begrüßte uns dann ein etwas älterer Herr mit goldenem Siegelring am Finger und erklärte uns im Schnellverfahren welche Jobmöglichkeiten er zur Auswahl habe.

Neben Schlachter, Bauarbeiter, Möbelpacker und so einigen anderen körperlich schweren Tätigkeiten stand der Beruf des Kellners und Bartenders in einem Countrypub zur Verfügung. Nachdem bereits die erste Hälfte der wartenden Backpacker verschwand traten wir etwas weiter nach vorne und fragten mal genauer nach. Er erklärte uns, dass eine Mitgliedschaft in diesem Jobclub für Bewohner des Hostels 35 aus $ und für alle anderen 50 aus $ kostet, die Mitgliedsgebühr jedoch erst bei Vermittlung gezahlt werden müsse.

Zugleich bot er uns an, als Fruit Picker bzw. Plant Nurses im Outback zu arbeiten, teilte uns jedoch ebenso mit, dass wir dafür bereits am nächsten Morgen auschecken und losfahren müssten. Da wir das Hostel allerdings bereits für drei Nächte gebucht hatten, beschlossen wir dieses Angebot nicht anzunehmen. Daraufhin bot er uns einen Job in einem der Countrypubs an. Wir sollten dort 35 Stunden die Woche als Barmate arbeiten und dafür 300 aus $ plus freie Unterkunft und Verpflegung bekommen. Dies klang nach einem für uns geeigneten Job und wir beschlossen, unsere Eltern nach ihrer Meinung zu fragen.

Während unsere Eltern eher weniger begeistert waren über die Vorstellung uns hinter einer Bar mit alten, stinkenden und aufdringlichen Truckern zu sehen, waren wir einfach nur glücklich über die Aussicht auf einen Job. Am nächsten Tag sagten wir trotz der Bedenken unserer Eltern zu, zahlten unseren Beitrag und bekamen eine Mitgliedschaftskarte, mit der wir ein halbes Jahr lang die Angebote des Jobclubs in Anspruch nehmen können. Unser Jobinterview erledigten wir dann auch gleich per Telefon und uns wurde dabei eine Unterkunft mit eigenem Bad in einem der Hotelzimmer versprochen. Auch schien die Frau am Telefon recht nett zu sein und wir wussten nun, dass wir für die nächsten zwei Monate in einem Hotel / Motel namens „Western Star Hotel“ in Windorah arbeiten würden.

Windorah ist ein Ort, der weder über Bus- noch Bahnverbindung verfügt und fünf (!) Autostunden vom nächsten Ort mit Einkaufsmöglichkeiten entfernt ist. Uns war klar, die nächste Zeit würden wir nicht viel anderes sehen als Wüstensand, betrunkene Trucker und noch mal Wüstensand. Dennoch waren wir froh und erleichtert. Wir hatten endlich einen Job gefunden.

Wir buchten ein Busticket für den Greyhoundbus für 150 aus $ nach Longreach und bereits wenige Tage später ging es auch schon los. Die Fahrt kam uns vor wie eine Ewigkeit. Wir fuhren stundenlang durch das mittlerweile nächtliche Nichts, konnten nicht schlafen und hielten alle halbe Stunde an irgendwelchen Tank- und Truckerstops an, um Leute einzusammeln oder Pakete abzuliefern. Nach ca. 20 Stunden scheinbar endloser Fahrt erreichten wir dann endlich vollkommen übermüdet Longreach.

Anders als erwartet und vereinbart wurden wir jedoch nicht von der netten Dame am Telefon empfangen und abgeholt, sondern standen mehr oder weniger alleine vor einer alten Garage. Wir beschlossen auf die andere Seite, zu den Parkplätzen zu gehen, da wir vermuteten, dort auf unsere zukünftige Chefin zu treffen. Leider wurden wir auch hier von niemandem erwartet und so standen wir verzweifelt mit Sack und Pack inmitten eines kleinen Ortes im Outback.

Auch nach einer Stunde des Wartens hatte sich nichts an unserer Situation geändert. Wir saßen nun zwar nicht mehr in der prallen Sonne, sondern in einem kleinen Bushäuschen, hatten aber nach wie vor niemanden erkennen können, der sich in irgendeiner Art und Weise für uns zwei verantwortlich gefühlt hätte. Wir beschlossen also eine Telefonzelle aufzusuchen und die Frau / unsere Chefin, die uns abholen sollte, anzurufen. Nach einigen Minuten des Suchens und einigen Verbindungsproblemen meldete sich eine weibliche Stimme. Die Frau am anderen Ende der Leitung schien nun leider nicht mehr so nett wie bei unserem ersten Telefonat und verkündete mit aggressiver Stimme, dass uns um die Mittagszeit herum ein Mann namens John abholen würde und legte auf.

Leider wussten wir weder, wie dieser Mann aussehen sollte, noch wo er uns abholen würde und so warteten wir zwei weitere Stunden auf diesen ominösen John.

Jedes Mal wenn ein etwas älterer Herr, mit Cowboyhut in einem alten Pick Up an uns vorbeifuhr bildeten wir uns ein, es könnte John sein. Dann endlich war er da. Anders als angenommen fuhr er allerdings keinen verdreckten Pick Up, sondern einen kleinen alten Ford, der bis oben hin mit Bettwäsche und Klamotten beladen war. Er selber war auf der Durchreise und dazu verdonnert worden uns mitzunehmen. Wir saßen nun also mit einem wildfremden Mann, der genauso wenig begeistert von der Situation war wie wir, in seinem zugemüllten Auto und mussten uns zwanghaft über irgendwelche langweiligen Themen wie z.B. das Wetter unterhalten.

Nach sechs Stunden Fahrt durch das absolute Nirgendwo erreichten wir Windorah: Eine Straße, viel Sand, sechs Häuser, das Motel, eine Tankstelle, die von einem blinden Tankwart geführt wird, sowie ein kleines Informationscenter lagen vor uns.

Neben der kuriosen Tatsache dass ein Blinder eine Tankstelle führt wurde uns ebenso von einem Dorfbewohner berichtet, dessen Toilette bei einem Sturm weggeflogen war. Da dieser wie scheinbar die meisten Bewohner Windorahs unter einem außergewöhnlichen Alkoholdurst leidet, verprasste er das von der Regierung zur Verfügung gestellte Geld zur Erneuerung einer Toilette für diverse alkoholische Getränke und uriniert angeblich seither in sein eigenes Haus. Wie uns unser Fahrer John (auch J.B. genannt) bei der Einfahrt in das Dorf erklärte, wohnen in Windorah sage und schreibe 50 Einwohner, von denen über die Hälfte bereits das Rentenalter überschritten hat.

Wir waren froh endlich da zu sein und auch unser zukünftiger Arbeitsplatz wirkte einladend. Mit voller Vorfreude auf eine Dusche und eine kurze Pause trafen wir nun endlich auf unsere Chefin Barbara. Sie begrüßte uns kurz und teilte uns dann mehr oder weniger nebenbei mit, dass sie zur Zeit kein leeres Zimmer für uns hätte und wir vorerst bzw. für den ersten Monat bei einem guten Bekannten von ihr, der zwar etwas gruselig aussähe aber ganz nett sein solle, wohnen müssten.

Nichts Böses ahnend stiegen wir wieder zurück in das Auto und wurden zu unserem Schlafplatz gefahren. Wir konnten es kaum glauben. Wir standen nun tatsächlich vor einem dieser auf Stelzen stehenden Häuser und wurden von einem mehr als stattlich gebauten, einzahnigen Mann barfuß und in kaputten Klamotten empfangen.

Wir betraten den „Garten“ und traten als erstes auf ein Schweinebein. Um uns herum lagen Barbies, Mülltüten und irgendwelche anderen Knochen. Es war einfach nur ekelhaft. Als wir dann das Haus betraten und dies ebenso verdreckt und unordentlich war wie der Garten, war auch der letzte Funken Hoffnung auf ein gemütliches Zimmer verschwunden. Nun standen wir also mit diesem ekelhaft aussehenden Mann inmitten eines vollkommen verdreckten Wohnzimmers und wussten einfach nicht mehr was wir sagen oder denken sollten.

Ich sah mich um und entdeckte eine Matratze. Ich ahnte schon, dass dies unser Schlafplatz sein sollte und tatsächlich teilte er uns wenig später mit, dass dies für eine von uns das Bett sei. Uns beiden war gleich klar, dass wir unter keinen Umständen in dem Wohnzimmer eines fremden Mannes schlafen würden. Er zeigte uns ein weiteres verdrecktes und bis oben hin mit Spielsachen, Klamotten und anderem Müll vollgestopftes Zimmer. Hier sollte die andere von uns beiden schlafen. Zwar war dieses Zimmer nicht weniger abstoßend als das Wohnzimmer, verfügte allerdings über eine Tür und ermöglichte es somit, nicht mit dem abschreckenden Mann in einem Raum schlafen zu müssen.

Wir beschlossen, die Matratze aus dem Wohnzimmer mit in das andere Zimmer zu legen um zusammen schlafen zu können. Dies war leider gar nicht so einfach, da das Zimmer nicht nur furchtbar klein, sondern auch furchtbar zugemüllt war. Nach mehrmaligem Umstapeln des Mülls, einigen ekelhaften Entdeckungen wie z.B. Pornomagazinen mit nackten Frauen auf Schweinekadavern, benutzter Unterwäsche und verschimmeltes Essen, schafften wir es endlich die Matratze neben das „Bett“ zu platzieren.

Während meine Freundin sich im Badezimmer duschte, saß ich in dieser abgedunkelten Kammer und war kurz vor einem Heulkrampf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Statt in einem der Hotelzimmer saßen wir bei einem alkoholisierten Perversen. Während ich in meinen Gedanken vertieft, mit Tränen in den Augen auf meinen „Bett“ saß hörte ich den Mann fragen, ob wir einen Kaffe wollten. Um nicht unhöflich zu sein antwortete ich mit ja. Wenig später saß ich auch schon mit dem Einzahnigen an einem Tisch und wusste nicht, worüber ich mit ihm reden sollte. Er schien nett, aber nicht ganz normal zu sein. Nicht nur der Alkoholgeruch und sein ungepflegtes Erscheinungsbild, sondern auch der Zustand in dem er hauste ließen darauf schließen. Auf die Unordnung angesprochen erzählte er, dass er zu beschäftigt sei um aufzuräumen, hatte aber keinen Job und war mehr oder weniger den ganzen Tag zu Hause oder in der Bar, in der wir arbeiten sollten.

Nachdem ich den Kaffe aus einem der verdreckten Becher runtergewürgt hatte, ging ich ins Bad. Das Badezimmer war ebenso wie der Rest des Hauses verdreckt. Ein abartiger Geruch von Hühner- und Hundefutter kam mir bereits beim Öffnen der Tür entgegen. Kein Wunder, denn auf dem Boden des Badezimmers und in der Dusche lag überall Hundefutter. Abschließen konnte man die Tür nicht. Ich fühlte mich mehr als unwohl als ich mich in diesem absoluten Gestank duschte und vor mir auch noch eine xxl- Flasche mit Läuse-Shampoo entdeckte.

Geduscht und tot unglücklich machten wir uns auf zur Bar, um unsere erste Schicht anzutreten. Dort angekommen wurden wir allerdings darauf hingewiesen, dass wir uns erstmal schlafen legen sollten und am nächsten Morgen alles erklärt bekommen würden. Somit gingen wir wieder zurück und beschlossen die Chance zu nutzen, uns jetzt wo wir allein waren in dem Haus ein wenig umzusehen.

An den Wänden hingen Bilder, auf denen eine Familie abgebildet war, der Einzahnige jedoch nirgendwo zu entdecken war. Ebenso fanden wir noch zwei weitere Kinderzimmer und eine Menge von Medikamenten. Was war hier los? War dieser Mann wirklich der Bewohner dieses Hauses? War er von seiner Familie verlassen worden? Viele schon nahezu kranke Fragen schossen uns durch den Kopf. Wir fanden zwar keine Antwort, wussten aber gleich, dass wir hier auf keinen Fall bleiben würden. Plötzlich stand der Einzahnige hinter uns. Er gab uns ein Bettlaken, wir setzten uns ins Wohnzimmer und er fragte, ob wir eine DVD sehen wollten. Um auf andere Gedanken zu kommen, fanden wir, dies sei eine gute Idee. Während wir die überragend große DVD-Sammlung nach einem passenden Film durchsuchten, fanden wir auch hier zwischen den vielen Kinder- und Horrorfilmen ein paar Pornovideos. Wir ließen uns nichts anmerken und entschieden uns für einen unrealistischen Kinderfilm, um aus dieser kranken Situation zumindest visuell zu entkommen.

Der Einzahnige ging derweil auf das Zimmer zu, in dem wir schlafen sollten, um das Bett mit dem Laken zu beziehen. Dummerweise war ich davon ausgegangen von diesem Mann kein Laken zu bekommen und hatte mir heimlich bei unserer Durchsuchungsaktion eines aus dem Schrank genommen. Ich schritt schnell ein und versicherte ihm, dass ich mein Bett später selber beziehen würde. Er verabschiedete sich daraufhin und ging zurück zur Bar. Eine Stunde später kam er zurück, legte sich auf den Wohnzimmerboden und schlief nach wenigen Minuten ein.

Wenig später gingen auch wir schlafen. Wir lagen zusammengepfercht in unserem Zimmer und konnten nicht glauben, dass es irgendwo schlimmer sein konnte als im Horror-Hostel „Valley Veranda“ in Brisbane. Scheinbar sollte sich der Spruch: “Sage niemals nie”, oder auch: „Schlimmer geht immer!“, gerade hier bewahrheiten.

Am nächsten Morgen begaben wir uns gegen acht Uhr auf den Weg zu der Bar. Unsere Chefin kam auf uns zu und fragte ob wir gut geschlafen hätten. Wir baten sie daraufhin uns irgendwo anders unter zu bringen. Sie versicherte uns eine Lösung zu finden und verabschiedete sich kurze Zeit später, da sie für die nächsten fünf Tage im Urlaub sein würde!

Wir fühlten uns allein gelassen und verarscht. Nach einem kurzen Frühstück kamen ein paar Leute in unserem Alter auf uns zu um uns alles zu zeigen. Es waren Backpacker wie wir. Auch sie wohnten nicht wie versprochen in einem Zimmer des Hotels, sondern in einer Abstellkammer und in einem Wohnwagen. Wir erzählten ihnen von unserer Horror Nacht und eines der Mädchen lief daraufhin zum Telefon, um der Chefin von unseren Klagen zu berichten.

Wie wir mitbekommen konnten, war diese sehr aufgebracht und versprach den Einzahnigen dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Wir verstanden nun gar nichts mehr. Wieso wollte sie jemand anderes als sich selbst für dieses Desaster verantwortlich machen? War nicht sie es gewesen, die uns in diesem Haus untergebracht hatte, obwohl sie sich über die dortigen Zustände im Klaren war? So eine blöde Pute!

Unseren ersten Arbeitstag verlebten wir recht gut, ich reinigte die Hotel- und Motelzimmer, stellte dabei fest, dass weniger als die Hälfte der Zimmer belegt waren und wir somit sehr wohl in einem der Hotelzimmer hätten schlafen können, machte die Betten und meine Freundin half in der Bar. Am Abend wurde es dann leider alles andere als einfach. Da uns keiner so wirklich eingewiesen hatte und sich die Mädchen zurückgezogen hatten um zu essen, standen wir nun zu zweit alleine an der Bar. Um uns rum ein Haufen Männer, die durstig waren und einen derart starken Akzent sprachen, dass es uns einfach nicht gelang auch nur eine Bestellung auf Anhieb zu verstehen. Hinzu kamen dann die kuriosen Extra-Wünsche, wie z. B. eine Flasche Jim Beam zu kaufen bzw. anschreiben zu lassen, daraus einen Jim Beam Cola zu machen und den Rest der Flasche mit einem Namensschild wieder zurück zu stellen, um später erneut daraus zu servieren. Nachdem ich mehr oder weniger an der Bar versagt hatte beschloss ich in die Küche zu gehen um dort zu helfen, die Bestellungen anzurichten und später an den verschiedenen Tischen zu servieren. Dies wiederum war keine große Schwierigkeit, wobei auch dies durch die vielen Männer, die einen ständig ansprachen eher unangenehm war.

Am späten Abend hatten wir es dann endlich geschafft. Hungrig wie wir waren suchten wir uns in der Küche etwas zum Essen raus und mussten dabei feststellen, dass diese Bar nicht nur Essen verkaufte, das zuvor auf den Boden gefallen war oder in altem Fett gebraten wurde, sondern auch welches schon längst über dem Haltbarkeitsdatum lag.

Meinen zuvor so sorgfältig ausgewählten Fisch konnte ich einfach nicht runterkriegen, da er nach nichts anderem als nach Erde und Schimmel schmeckte. Die Getränke, von denen wir ausgegangen waren, dass diese mit zur kostenlosen Verpflegung gehörten, mussten wir selber zahlen und waren mehr als überteuert. So sollte beispielsweise eine kleine 0,5 l Flasche Wasser 8, in Worten: acht, aus $ kosten.

Langsam wurde es uns wirklich zu viel: Das Essen war alt und gammelig, die Unterkunft miserabel, die Chefin nicht da und laut der anderen Mitarbeiter ein echter Drachen und die Getränke nicht inklusive. Außerdem erfuhren wir, dass wir in jedem Fall mehr als die vereinbarten 35 Stunden die Woche arbeiten müssten.

Auf unsere Beschwerden hin war uns für die Nacht eine neue Unterkunft hergerichtet worden: Ein ca. sechs Quadratmeter großes Office, in dem wir auf dem Boden schlafen sollten. Leider war die freie Bodenfläche so klein, dass wir unmöglich beide darauf Platz gehabt hätten. Das war jetzt der letzte, noch fehlende Anstoß, den wir für unsere Entscheidungsfindung noch brauchten: Nichts wie weg hier aus dieser Katastrophe! Und zwar so schnell wie möglich!

Wir schlossen uns heimlich in die Küche ein und versuchten unsere Eltern zu erreichen. Handyempfang? Keine Chance. Die einzige Telefonzelle im Ort? Keine Verbindung ins Ausland möglich. Die Lösung? Heimlich das Telefon der Bar benutzen. Schlechtes Gewissen? Nicht einmal ansatzweise, waren wir doch mehr oder weniger gezwungen, auf diese Art und Weise Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen.

Mit dem O.K. unserer Eltern, uns in einer Nacht und Nebel Aktion zu verdünnisieren, schmiedeten wir einen Plan. Wir gingen alle Möglichkeit durch, fanden aber keine, die uns noch in dieser Nacht hier weg bringen würde. Kein Bus, kein Zug. Wir waren auf andere Durchreisende angewiesen, die uns mit in den nächsten Ort nehmen würden. Da es mittlerweile allerdings schon ein Uhr nachts war und Trampen nicht gerade die sicherste Reisemethode ist, beschlossen wir noch bis zum nächsten Morgen zu warten.

Am nächsten Morgen wachten wir durchfroren in einer „Luxus-Suite“ auf. Die beiden Jungs, mit denen wir am Tag zuvor gearbeitet hatten, hatten uns ihren Schlafplatz in einer Abstellkammer für die Nacht überlassen, sich mit Weinbrand betrunken und mehr oder weniger gestapelt und im Sitzen in „unserem“ kleinen Office geschlafen. Nach einer kurzen Dusche und ein paar Cornflakes (diese waren das einzig Essbare) machten wir uns auf den Weg zu dem Informationspunkt um herauszufinden, ob irgendjemand an diesem Tag nach Longreach fahren würde. Die nette Dame hinterm Tresen erzählte uns von einem großen Typen mit Cowboyhut und blauem Hemd namens Chris, der bereits in einer Stunde losfahren würde. Wir suchten alles ab, konnten aber keinen Chris finden. Wir gingen also erneut zum Informationsstand um uns zu erkundigen ob sonst noch jemand nach Longreach fahren würde.

Wir betraten den Laden und trafen auf die nette Dame und zwei weitere Frauen im Alter von ca. 40 Jahren. Wir erzählten ihr, Chris nicht gefunden zu haben und fragten nach anderen Möglichkeiten. Plötzlich klinkte sich eine der anderen Frauen in das Gespräch ein und fragte wo wir denn hin wollten. Wir erzählten ihr von den zwei Tagen im Countrypub und davon, dass wir irgendwie zurück nach Longreach kommen müssten, um von da aus zurück nach Brisbane fahren zu können. Sie meinte nur, dass sie uns mitnehmen könne, da sie Richtung Brisbane wolle, um ihre zwei Söhne zu besuchen, die dort auf eine Schule gehen. Ohne lange zu überlegen vereinbarten wir, dass sie uns in 20 Minuten vor dem Hintereingang des Motels abholen würde.

Mehr als erleichtert liefen wir zurück um unsere Sachen zu packen und den anderen mitzuteilen, dass wir gehen würden. Diese versuchten uns zwar noch zum Bleiben zu überreden, konnten uns dann aber auch verstehen und unseren Wunsch den Ort zu verlassen nachvollziehen.

Schnell verabschiedeten wir uns noch von den Jungs und dann ging es auch schon los. Ein großer Pick up stand vor der Tür und die kleine freundliche Frau hievte unsere schweren Taschen auf die Ladefläche. Da saßen wir nun wieder bei einer wildfremden Person im Auto und wussten nicht was uns erwarten würde. Sie fragte uns weshalb wir diesen Ort verlassen wollten und wir erklärten ihr daraufhin die Umstände unter denen wir hier leben und arbeiten sollten. Daraufhin erzählte sie uns, dass die Besitzerin der Bar von allen verachtet wird und schon öfter solche Dinge vorgekommen seien. Dann fragte sie uns ob wir kochen könnten. Ohne lange darüber nachzudenken, weshalb sie dies wissen wolle, bejahten wir ihre Frage. Ihre nächste Frage war daraufhin, ob wir Lust hätten für zwei Wochen auf ihrer Farm zu leben und dort auf das Haus aufzupassen, während sie weg sei. Wieder einmal überlegten wir nicht und antworteten mit einem ja. Wir hatten für die lange Fahrt in dieses Dorf 150 aus $ ausgegeben und wollten die Chance nutzen nicht völlig umsonst hierher gefahren zu sein. Und somit fuhren wir los.

Während der Fahrt gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf und ich begann mich über meine Naivität und meine Dummheit zu ärgern. Was wäre wenn sie uns einfach verschleppen würde? Würde es überhaupt jemand merken? Was für eine Farm würde uns da nun wieder erwarten? Vielleicht würde diese Farm noch viel schlimmer sein als das, was wir zuvor in Windorah erlebt hatten. Ich konnte keine Ruhe finden und wollte am liebsten aussteigen, doch um uns herum war bereits seit einer Stunde nichts anderes mehr gewesen als Sand.

Auch ihre Versicherungen, dass sie uns niemals in eine Situation stecken würde, in der wir uns unwohl fühlen würden, oder dass die Jungs bzw. die Cowboys wirklich alle total nett seien und wir uns keine Sorgen machen bräuchten, dass die uns jemals etwas antun würden, konnten mich nicht aufmuntern. Wieder einmal war mir zum Heulen zu Mute.

Nach fünf Stunden Fahrt durch das absolute Nirgendwo, welches ich bereits in Windorah vermutet hatte, hier nun aber tatsächlich vorfinden konnte, erreichten wir inmitten der wüstenähnlichen Gegend eine kleine Farm. Wir standen nun vor einem hellgelben Steinhaus, welches in Australien schon nahezu untypisch ist, da die meisten Häuser trotz Hitze aus Holz gebaut werden. Wir warteten im Wagen, während die Frau mit ihrem Mann über etwas redete. Dann bat sie uns auszusteigen. Schon kamen zwei Cowboys auf einem Quad angefahren und begrüßten uns. Im Schnelldurchlauf zeigte sie uns die komplette Farm, die aus einem Hauptgebäude, in dem Küche, Wohnzimmer, Büro und Zimmer der Familie liegen und einem Nebengebäude, in dem ein Badezimmer und vier weitere Zimmer für die Arbeiter befinden, besteht.

Weiterhin verfügt die Farm über eine riesige Garage, in der mehrere Motorräder, ein Truck, zwei Pick-Ups und jede Menge Autoteile standen und ein großes Kühlhaus. Als wir das Kühlhaus betraten konnte ich nicht glauben was ich sah. Vor uns hingen dutzende blutige Rinderhälften, Schwänze und Zungen. Wo war ich hier nur wieder gelandet? Glücklicherweise schloss sie recht schnell wieder die Tür und zeigte uns die Tiere.

Die Farm ist mehr eine so genannte Cattle Station (Rinderfarm) als ein Bauernhof. Da die Rinder allerdings weit verteilt auf den hunderten Quadratkilometern von Land verteilt sind, fielen diese nicht mit unser Aufgabengebiet. Unsere Aufgabe war es vielmehr, uns um die vier riesig großen Schweine, die zwei kleinen mutterlosen Kälbchen, die 13 Hühner, die vier Vögel, die fünf Hunde, die Katze und den Gemüsegarten sowie um den Kompost zu kümmern. Ebenso war es unsere Aufgabe, für die fünf Ringer, wie sich die australischen Cowboys nennen, zu sorgen, sie zu bekochen und den Haushalt zu schmeißen.

Nach der kleinen Rundtour durch Haus und Umgebung zeigte sie uns unser Zimmer und fragte erneut ob wir uns wirklich sicher seien dies machen zu wollen. Da unser erster Eindruck von dieser Farm sehr gut war und wir uns den Aufgaben durchaus gewachsen fühlten, bejahten wir ihre Frage, sie bedankte sich und fuhr bereits wenige Minuten später auch schon los. Ohne uns.

Da standen wir nun inmitten der Halbwüste und vor uns lagen zwei Wochen unverhoffte Farmarbeit. Wie würden wir diese zwei Wochen verleben? War unser erster Eindruck von der Farm wirklich der Richtige oder sollte uns erneut eine böse Überraschung erwarten? Wir wussten es nicht.


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