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Brisbane / der Jobclub / Windorah / die Flucht ins wahre Outback

Allgemein — posted_by mellizo1 @ 22:25

Wir waren nun also aus dem schlimmsten Hostel das wir je gesehen hatten ausgezogen und auf dem Weg, in das „Base Palace Backpackers“ einzuziehen. Dieses Hostel hat nicht nur den Vorteil, dass es mehr als zentral (in der Nähe der Queens Plaza) gelegen ist und ein eigenes Internet Cafe hat, sondern auch einen (und das war für uns das Entscheidende) Jobclub. Wir checkten also bereits am frühen Morgen ein und inspizierten neugierig das gesamte Hostel.

Die Duschen waren einigermaßen sauber, unser Zimmer riesig groß, Telefone an jeder Ecke und der Club, der unter unserem Hostel lag, lockte mit täglichen Angeboten, die ähnlich wie im „Westend“ per Lautsprecherdurchsage verkündet wurden. Im Großen und Ganzen schien dies also ein recht angenehmes bzw. normales Hostel zu sein.

Was uns jedoch viel mehr interessierte war der Jobclub, welcher in uns die stille Hoffnung auf einen Job hervorrief. Wir erkundigten uns nach den Öffnungszeiten und saßen bereits am gleichen Nachmittag mit ca. 20 anderen verzweifelten Backpackern vor dem Schreibtisch der Jobvermittlung. Nach einigen Minuten des Wartens begrüßte uns dann ein etwas älterer Herr mit goldenem Siegelring am Finger und erklärte uns im Schnellverfahren welche Jobmöglichkeiten er zur Auswahl habe.

Neben Schlachter, Bauarbeiter, Möbelpacker und so einigen anderen körperlich schweren Tätigkeiten stand der Beruf des Kellners und Bartenders in einem Countrypub zur Verfügung. Nachdem bereits die erste Hälfte der wartenden Backpacker verschwand traten wir etwas weiter nach vorne und fragten mal genauer nach. Er erklärte uns, dass eine Mitgliedschaft in diesem Jobclub für Bewohner des Hostels 35 aus $ und für alle anderen 50 aus $ kostet, die Mitgliedsgebühr jedoch erst bei Vermittlung gezahlt werden müsse.

Zugleich bot er uns an, als Fruit Picker bzw. Plant Nurses im Outback zu arbeiten, teilte uns jedoch ebenso mit, dass wir dafür bereits am nächsten Morgen auschecken und losfahren müssten. Da wir das Hostel allerdings bereits für drei Nächte gebucht hatten, beschlossen wir dieses Angebot nicht anzunehmen. Daraufhin bot er uns einen Job in einem der Countrypubs an. Wir sollten dort 35 Stunden die Woche als Barmate arbeiten und dafür 300 aus $ plus freie Unterkunft und Verpflegung bekommen. Dies klang nach einem für uns geeigneten Job und wir beschlossen, unsere Eltern nach ihrer Meinung zu fragen.

Während unsere Eltern eher weniger begeistert waren über die Vorstellung uns hinter einer Bar mit alten, stinkenden und aufdringlichen Truckern zu sehen, waren wir einfach nur glücklich über die Aussicht auf einen Job. Am nächsten Tag sagten wir trotz der Bedenken unserer Eltern zu, zahlten unseren Beitrag und bekamen eine Mitgliedschaftskarte, mit der wir ein halbes Jahr lang die Angebote des Jobclubs in Anspruch nehmen können. Unser Jobinterview erledigten wir dann auch gleich per Telefon und uns wurde dabei eine Unterkunft mit eigenem Bad in einem der Hotelzimmer versprochen. Auch schien die Frau am Telefon recht nett zu sein und wir wussten nun, dass wir für die nächsten zwei Monate in einem Hotel / Motel namens „Western Star Hotel“ in Windorah arbeiten würden.

Windorah ist ein Ort, der weder über Bus- noch Bahnverbindung verfügt und fünf (!) Autostunden vom nächsten Ort mit Einkaufsmöglichkeiten entfernt ist. Uns war klar, die nächste Zeit würden wir nicht viel anderes sehen als Wüstensand, betrunkene Trucker und noch mal Wüstensand. Dennoch waren wir froh und erleichtert. Wir hatten endlich einen Job gefunden.

Wir buchten ein Busticket für den Greyhoundbus für 150 aus $ nach Longreach und bereits wenige Tage später ging es auch schon los. Die Fahrt kam uns vor wie eine Ewigkeit. Wir fuhren stundenlang durch das mittlerweile nächtliche Nichts, konnten nicht schlafen und hielten alle halbe Stunde an irgendwelchen Tank- und Truckerstops an, um Leute einzusammeln oder Pakete abzuliefern. Nach ca. 20 Stunden scheinbar endloser Fahrt erreichten wir dann endlich vollkommen übermüdet Longreach.

Anders als erwartet und vereinbart wurden wir jedoch nicht von der netten Dame am Telefon empfangen und abgeholt, sondern standen mehr oder weniger alleine vor einer alten Garage. Wir beschlossen auf die andere Seite, zu den Parkplätzen zu gehen, da wir vermuteten, dort auf unsere zukünftige Chefin zu treffen. Leider wurden wir auch hier von niemandem erwartet und so standen wir verzweifelt mit Sack und Pack inmitten eines kleinen Ortes im Outback.

Auch nach einer Stunde des Wartens hatte sich nichts an unserer Situation geändert. Wir saßen nun zwar nicht mehr in der prallen Sonne, sondern in einem kleinen Bushäuschen, hatten aber nach wie vor niemanden erkennen können, der sich in irgendeiner Art und Weise für uns zwei verantwortlich gefühlt hätte. Wir beschlossen also eine Telefonzelle aufzusuchen und die Frau / unsere Chefin, die uns abholen sollte, anzurufen. Nach einigen Minuten des Suchens und einigen Verbindungsproblemen meldete sich eine weibliche Stimme. Die Frau am anderen Ende der Leitung schien nun leider nicht mehr so nett wie bei unserem ersten Telefonat und verkündete mit aggressiver Stimme, dass uns um die Mittagszeit herum ein Mann namens John abholen würde und legte auf.

Leider wussten wir weder, wie dieser Mann aussehen sollte, noch wo er uns abholen würde und so warteten wir zwei weitere Stunden auf diesen ominösen John.

Jedes Mal wenn ein etwas älterer Herr, mit Cowboyhut in einem alten Pick Up an uns vorbeifuhr bildeten wir uns ein, es könnte John sein. Dann endlich war er da. Anders als angenommen fuhr er allerdings keinen verdreckten Pick Up, sondern einen kleinen alten Ford, der bis oben hin mit Bettwäsche und Klamotten beladen war. Er selber war auf der Durchreise und dazu verdonnert worden uns mitzunehmen. Wir saßen nun also mit einem wildfremden Mann, der genauso wenig begeistert von der Situation war wie wir, in seinem zugemüllten Auto und mussten uns zwanghaft über irgendwelche langweiligen Themen wie z.B. das Wetter unterhalten.

Nach sechs Stunden Fahrt durch das absolute Nirgendwo erreichten wir Windorah: Eine Straße, viel Sand, sechs Häuser, das Motel, eine Tankstelle, die von einem blinden Tankwart geführt wird, sowie ein kleines Informationscenter lagen vor uns.

Neben der kuriosen Tatsache dass ein Blinder eine Tankstelle führt wurde uns ebenso von einem Dorfbewohner berichtet, dessen Toilette bei einem Sturm weggeflogen war. Da dieser wie scheinbar die meisten Bewohner Windorahs unter einem außergewöhnlichen Alkoholdurst leidet, verprasste er das von der Regierung zur Verfügung gestellte Geld zur Erneuerung einer Toilette für diverse alkoholische Getränke und uriniert angeblich seither in sein eigenes Haus. Wie uns unser Fahrer John (auch J.B. genannt) bei der Einfahrt in das Dorf erklärte, wohnen in Windorah sage und schreibe 50 Einwohner, von denen über die Hälfte bereits das Rentenalter überschritten hat.

Wir waren froh endlich da zu sein und auch unser zukünftiger Arbeitsplatz wirkte einladend. Mit voller Vorfreude auf eine Dusche und eine kurze Pause trafen wir nun endlich auf unsere Chefin Barbara. Sie begrüßte uns kurz und teilte uns dann mehr oder weniger nebenbei mit, dass sie zur Zeit kein leeres Zimmer für uns hätte und wir vorerst bzw. für den ersten Monat bei einem guten Bekannten von ihr, der zwar etwas gruselig aussähe aber ganz nett sein solle, wohnen müssten.

Nichts Böses ahnend stiegen wir wieder zurück in das Auto und wurden zu unserem Schlafplatz gefahren. Wir konnten es kaum glauben. Wir standen nun tatsächlich vor einem dieser auf Stelzen stehenden Häuser und wurden von einem mehr als stattlich gebauten, einzahnigen Mann barfuß und in kaputten Klamotten empfangen.

Wir betraten den „Garten“ und traten als erstes auf ein Schweinebein. Um uns herum lagen Barbies, Mülltüten und irgendwelche anderen Knochen. Es war einfach nur ekelhaft. Als wir dann das Haus betraten und dies ebenso verdreckt und unordentlich war wie der Garten, war auch der letzte Funken Hoffnung auf ein gemütliches Zimmer verschwunden. Nun standen wir also mit diesem ekelhaft aussehenden Mann inmitten eines vollkommen verdreckten Wohnzimmers und wussten einfach nicht mehr was wir sagen oder denken sollten.

Ich sah mich um und entdeckte eine Matratze. Ich ahnte schon, dass dies unser Schlafplatz sein sollte und tatsächlich teilte er uns wenig später mit, dass dies für eine von uns das Bett sei. Uns beiden war gleich klar, dass wir unter keinen Umständen in dem Wohnzimmer eines fremden Mannes schlafen würden. Er zeigte uns ein weiteres verdrecktes und bis oben hin mit Spielsachen, Klamotten und anderem Müll vollgestopftes Zimmer. Hier sollte die andere von uns beiden schlafen. Zwar war dieses Zimmer nicht weniger abstoßend als das Wohnzimmer, verfügte allerdings über eine Tür und ermöglichte es somit, nicht mit dem abschreckenden Mann in einem Raum schlafen zu müssen.

Wir beschlossen, die Matratze aus dem Wohnzimmer mit in das andere Zimmer zu legen um zusammen schlafen zu können. Dies war leider gar nicht so einfach, da das Zimmer nicht nur furchtbar klein, sondern auch furchtbar zugemüllt war. Nach mehrmaligem Umstapeln des Mülls, einigen ekelhaften Entdeckungen wie z.B. Pornomagazinen mit nackten Frauen auf Schweinekadavern, benutzter Unterwäsche und verschimmeltes Essen, schafften wir es endlich die Matratze neben das „Bett“ zu platzieren.

Während meine Freundin sich im Badezimmer duschte, saß ich in dieser abgedunkelten Kammer und war kurz vor einem Heulkrampf. Das konnte doch alles nicht wahr sein. Statt in einem der Hotelzimmer saßen wir bei einem alkoholisierten Perversen. Während ich in meinen Gedanken vertieft, mit Tränen in den Augen auf meinen „Bett“ saß hörte ich den Mann fragen, ob wir einen Kaffe wollten. Um nicht unhöflich zu sein antwortete ich mit ja. Wenig später saß ich auch schon mit dem Einzahnigen an einem Tisch und wusste nicht, worüber ich mit ihm reden sollte. Er schien nett, aber nicht ganz normal zu sein. Nicht nur der Alkoholgeruch und sein ungepflegtes Erscheinungsbild, sondern auch der Zustand in dem er hauste ließen darauf schließen. Auf die Unordnung angesprochen erzählte er, dass er zu beschäftigt sei um aufzuräumen, hatte aber keinen Job und war mehr oder weniger den ganzen Tag zu Hause oder in der Bar, in der wir arbeiten sollten.

Nachdem ich den Kaffe aus einem der verdreckten Becher runtergewürgt hatte, ging ich ins Bad. Das Badezimmer war ebenso wie der Rest des Hauses verdreckt. Ein abartiger Geruch von Hühner- und Hundefutter kam mir bereits beim Öffnen der Tür entgegen. Kein Wunder, denn auf dem Boden des Badezimmers und in der Dusche lag überall Hundefutter. Abschließen konnte man die Tür nicht. Ich fühlte mich mehr als unwohl als ich mich in diesem absoluten Gestank duschte und vor mir auch noch eine xxl- Flasche mit Läuse-Shampoo entdeckte.

Geduscht und tot unglücklich machten wir uns auf zur Bar, um unsere erste Schicht anzutreten. Dort angekommen wurden wir allerdings darauf hingewiesen, dass wir uns erstmal schlafen legen sollten und am nächsten Morgen alles erklärt bekommen würden. Somit gingen wir wieder zurück und beschlossen die Chance zu nutzen, uns jetzt wo wir allein waren in dem Haus ein wenig umzusehen.

An den Wänden hingen Bilder, auf denen eine Familie abgebildet war, der Einzahnige jedoch nirgendwo zu entdecken war. Ebenso fanden wir noch zwei weitere Kinderzimmer und eine Menge von Medikamenten. Was war hier los? War dieser Mann wirklich der Bewohner dieses Hauses? War er von seiner Familie verlassen worden? Viele schon nahezu kranke Fragen schossen uns durch den Kopf. Wir fanden zwar keine Antwort, wussten aber gleich, dass wir hier auf keinen Fall bleiben würden. Plötzlich stand der Einzahnige hinter uns. Er gab uns ein Bettlaken, wir setzten uns ins Wohnzimmer und er fragte, ob wir eine DVD sehen wollten. Um auf andere Gedanken zu kommen, fanden wir, dies sei eine gute Idee. Während wir die überragend große DVD-Sammlung nach einem passenden Film durchsuchten, fanden wir auch hier zwischen den vielen Kinder- und Horrorfilmen ein paar Pornovideos. Wir ließen uns nichts anmerken und entschieden uns für einen unrealistischen Kinderfilm, um aus dieser kranken Situation zumindest visuell zu entkommen.

Der Einzahnige ging derweil auf das Zimmer zu, in dem wir schlafen sollten, um das Bett mit dem Laken zu beziehen. Dummerweise war ich davon ausgegangen von diesem Mann kein Laken zu bekommen und hatte mir heimlich bei unserer Durchsuchungsaktion eines aus dem Schrank genommen. Ich schritt schnell ein und versicherte ihm, dass ich mein Bett später selber beziehen würde. Er verabschiedete sich daraufhin und ging zurück zur Bar. Eine Stunde später kam er zurück, legte sich auf den Wohnzimmerboden und schlief nach wenigen Minuten ein.

Wenig später gingen auch wir schlafen. Wir lagen zusammengepfercht in unserem Zimmer und konnten nicht glauben, dass es irgendwo schlimmer sein konnte als im Horror-Hostel „Valley Veranda“ in Brisbane. Scheinbar sollte sich der Spruch: “Sage niemals nie”, oder auch: „Schlimmer geht immer!“, gerade hier bewahrheiten.

Am nächsten Morgen begaben wir uns gegen acht Uhr auf den Weg zu der Bar. Unsere Chefin kam auf uns zu und fragte ob wir gut geschlafen hätten. Wir baten sie daraufhin uns irgendwo anders unter zu bringen. Sie versicherte uns eine Lösung zu finden und verabschiedete sich kurze Zeit später, da sie für die nächsten fünf Tage im Urlaub sein würde!

Wir fühlten uns allein gelassen und verarscht. Nach einem kurzen Frühstück kamen ein paar Leute in unserem Alter auf uns zu um uns alles zu zeigen. Es waren Backpacker wie wir. Auch sie wohnten nicht wie versprochen in einem Zimmer des Hotels, sondern in einer Abstellkammer und in einem Wohnwagen. Wir erzählten ihnen von unserer Horror Nacht und eines der Mädchen lief daraufhin zum Telefon, um der Chefin von unseren Klagen zu berichten.

Wie wir mitbekommen konnten, war diese sehr aufgebracht und versprach den Einzahnigen dafür zur Rechenschaft zu ziehen. Wir verstanden nun gar nichts mehr. Wieso wollte sie jemand anderes als sich selbst für dieses Desaster verantwortlich machen? War nicht sie es gewesen, die uns in diesem Haus untergebracht hatte, obwohl sie sich über die dortigen Zustände im Klaren war? So eine blöde Pute!

Unseren ersten Arbeitstag verlebten wir recht gut, ich reinigte die Hotel- und Motelzimmer, stellte dabei fest, dass weniger als die Hälfte der Zimmer belegt waren und wir somit sehr wohl in einem der Hotelzimmer hätten schlafen können, machte die Betten und meine Freundin half in der Bar. Am Abend wurde es dann leider alles andere als einfach. Da uns keiner so wirklich eingewiesen hatte und sich die Mädchen zurückgezogen hatten um zu essen, standen wir nun zu zweit alleine an der Bar. Um uns rum ein Haufen Männer, die durstig waren und einen derart starken Akzent sprachen, dass es uns einfach nicht gelang auch nur eine Bestellung auf Anhieb zu verstehen. Hinzu kamen dann die kuriosen Extra-Wünsche, wie z. B. eine Flasche Jim Beam zu kaufen bzw. anschreiben zu lassen, daraus einen Jim Beam Cola zu machen und den Rest der Flasche mit einem Namensschild wieder zurück zu stellen, um später erneut daraus zu servieren. Nachdem ich mehr oder weniger an der Bar versagt hatte beschloss ich in die Küche zu gehen um dort zu helfen, die Bestellungen anzurichten und später an den verschiedenen Tischen zu servieren. Dies wiederum war keine große Schwierigkeit, wobei auch dies durch die vielen Männer, die einen ständig ansprachen eher unangenehm war.

Am späten Abend hatten wir es dann endlich geschafft. Hungrig wie wir waren suchten wir uns in der Küche etwas zum Essen raus und mussten dabei feststellen, dass diese Bar nicht nur Essen verkaufte, das zuvor auf den Boden gefallen war oder in altem Fett gebraten wurde, sondern auch welches schon längst über dem Haltbarkeitsdatum lag.

Meinen zuvor so sorgfältig ausgewählten Fisch konnte ich einfach nicht runterkriegen, da er nach nichts anderem als nach Erde und Schimmel schmeckte. Die Getränke, von denen wir ausgegangen waren, dass diese mit zur kostenlosen Verpflegung gehörten, mussten wir selber zahlen und waren mehr als überteuert. So sollte beispielsweise eine kleine 0,5 l Flasche Wasser 8, in Worten: acht, aus $ kosten.

Langsam wurde es uns wirklich zu viel: Das Essen war alt und gammelig, die Unterkunft miserabel, die Chefin nicht da und laut der anderen Mitarbeiter ein echter Drachen und die Getränke nicht inklusive. Außerdem erfuhren wir, dass wir in jedem Fall mehr als die vereinbarten 35 Stunden die Woche arbeiten müssten.

Auf unsere Beschwerden hin war uns für die Nacht eine neue Unterkunft hergerichtet worden: Ein ca. sechs Quadratmeter großes Office, in dem wir auf dem Boden schlafen sollten. Leider war die freie Bodenfläche so klein, dass wir unmöglich beide darauf Platz gehabt hätten. Das war jetzt der letzte, noch fehlende Anstoß, den wir für unsere Entscheidungsfindung noch brauchten: Nichts wie weg hier aus dieser Katastrophe! Und zwar so schnell wie möglich!

Wir schlossen uns heimlich in die Küche ein und versuchten unsere Eltern zu erreichen. Handyempfang? Keine Chance. Die einzige Telefonzelle im Ort? Keine Verbindung ins Ausland möglich. Die Lösung? Heimlich das Telefon der Bar benutzen. Schlechtes Gewissen? Nicht einmal ansatzweise, waren wir doch mehr oder weniger gezwungen, auf diese Art und Weise Kontakt mit der Außenwelt aufzunehmen.

Mit dem O.K. unserer Eltern, uns in einer Nacht und Nebel Aktion zu verdünnisieren, schmiedeten wir einen Plan. Wir gingen alle Möglichkeit durch, fanden aber keine, die uns noch in dieser Nacht hier weg bringen würde. Kein Bus, kein Zug. Wir waren auf andere Durchreisende angewiesen, die uns mit in den nächsten Ort nehmen würden. Da es mittlerweile allerdings schon ein Uhr nachts war und Trampen nicht gerade die sicherste Reisemethode ist, beschlossen wir noch bis zum nächsten Morgen zu warten.

Am nächsten Morgen wachten wir durchfroren in einer „Luxus-Suite“ auf. Die beiden Jungs, mit denen wir am Tag zuvor gearbeitet hatten, hatten uns ihren Schlafplatz in einer Abstellkammer für die Nacht überlassen, sich mit Weinbrand betrunken und mehr oder weniger gestapelt und im Sitzen in „unserem“ kleinen Office geschlafen. Nach einer kurzen Dusche und ein paar Cornflakes (diese waren das einzig Essbare) machten wir uns auf den Weg zu dem Informationspunkt um herauszufinden, ob irgendjemand an diesem Tag nach Longreach fahren würde. Die nette Dame hinterm Tresen erzählte uns von einem großen Typen mit Cowboyhut und blauem Hemd namens Chris, der bereits in einer Stunde losfahren würde. Wir suchten alles ab, konnten aber keinen Chris finden. Wir gingen also erneut zum Informationsstand um uns zu erkundigen ob sonst noch jemand nach Longreach fahren würde.

Wir betraten den Laden und trafen auf die nette Dame und zwei weitere Frauen im Alter von ca. 40 Jahren. Wir erzählten ihr, Chris nicht gefunden zu haben und fragten nach anderen Möglichkeiten. Plötzlich klinkte sich eine der anderen Frauen in das Gespräch ein und fragte wo wir denn hin wollten. Wir erzählten ihr von den zwei Tagen im Countrypub und davon, dass wir irgendwie zurück nach Longreach kommen müssten, um von da aus zurück nach Brisbane fahren zu können. Sie meinte nur, dass sie uns mitnehmen könne, da sie Richtung Brisbane wolle, um ihre zwei Söhne zu besuchen, die dort auf eine Schule gehen. Ohne lange zu überlegen vereinbarten wir, dass sie uns in 20 Minuten vor dem Hintereingang des Motels abholen würde.

Mehr als erleichtert liefen wir zurück um unsere Sachen zu packen und den anderen mitzuteilen, dass wir gehen würden. Diese versuchten uns zwar noch zum Bleiben zu überreden, konnten uns dann aber auch verstehen und unseren Wunsch den Ort zu verlassen nachvollziehen.

Schnell verabschiedeten wir uns noch von den Jungs und dann ging es auch schon los. Ein großer Pick up stand vor der Tür und die kleine freundliche Frau hievte unsere schweren Taschen auf die Ladefläche. Da saßen wir nun wieder bei einer wildfremden Person im Auto und wussten nicht was uns erwarten würde. Sie fragte uns weshalb wir diesen Ort verlassen wollten und wir erklärten ihr daraufhin die Umstände unter denen wir hier leben und arbeiten sollten. Daraufhin erzählte sie uns, dass die Besitzerin der Bar von allen verachtet wird und schon öfter solche Dinge vorgekommen seien. Dann fragte sie uns ob wir kochen könnten. Ohne lange darüber nachzudenken, weshalb sie dies wissen wolle, bejahten wir ihre Frage. Ihre nächste Frage war daraufhin, ob wir Lust hätten für zwei Wochen auf ihrer Farm zu leben und dort auf das Haus aufzupassen, während sie weg sei. Wieder einmal überlegten wir nicht und antworteten mit einem ja. Wir hatten für die lange Fahrt in dieses Dorf 150 aus $ ausgegeben und wollten die Chance nutzen nicht völlig umsonst hierher gefahren zu sein. Und somit fuhren wir los.

Während der Fahrt gingen mir unzählige Gedanken durch den Kopf und ich begann mich über meine Naivität und meine Dummheit zu ärgern. Was wäre wenn sie uns einfach verschleppen würde? Würde es überhaupt jemand merken? Was für eine Farm würde uns da nun wieder erwarten? Vielleicht würde diese Farm noch viel schlimmer sein als das, was wir zuvor in Windorah erlebt hatten. Ich konnte keine Ruhe finden und wollte am liebsten aussteigen, doch um uns herum war bereits seit einer Stunde nichts anderes mehr gewesen als Sand.

Auch ihre Versicherungen, dass sie uns niemals in eine Situation stecken würde, in der wir uns unwohl fühlen würden, oder dass die Jungs bzw. die Cowboys wirklich alle total nett seien und wir uns keine Sorgen machen bräuchten, dass die uns jemals etwas antun würden, konnten mich nicht aufmuntern. Wieder einmal war mir zum Heulen zu Mute.

Nach fünf Stunden Fahrt durch das absolute Nirgendwo, welches ich bereits in Windorah vermutet hatte, hier nun aber tatsächlich vorfinden konnte, erreichten wir inmitten der wüstenähnlichen Gegend eine kleine Farm. Wir standen nun vor einem hellgelben Steinhaus, welches in Australien schon nahezu untypisch ist, da die meisten Häuser trotz Hitze aus Holz gebaut werden. Wir warteten im Wagen, während die Frau mit ihrem Mann über etwas redete. Dann bat sie uns auszusteigen. Schon kamen zwei Cowboys auf einem Quad angefahren und begrüßten uns. Im Schnelldurchlauf zeigte sie uns die komplette Farm, die aus einem Hauptgebäude, in dem Küche, Wohnzimmer, Büro und Zimmer der Familie liegen und einem Nebengebäude, in dem ein Badezimmer und vier weitere Zimmer für die Arbeiter befinden, besteht.

Weiterhin verfügt die Farm über eine riesige Garage, in der mehrere Motorräder, ein Truck, zwei Pick-Ups und jede Menge Autoteile standen und ein großes Kühlhaus. Als wir das Kühlhaus betraten konnte ich nicht glauben was ich sah. Vor uns hingen dutzende blutige Rinderhälften, Schwänze und Zungen. Wo war ich hier nur wieder gelandet? Glücklicherweise schloss sie recht schnell wieder die Tür und zeigte uns die Tiere.

Die Farm ist mehr eine so genannte Cattle Station (Rinderfarm) als ein Bauernhof. Da die Rinder allerdings weit verteilt auf den hunderten Quadratkilometern von Land verteilt sind, fielen diese nicht mit unser Aufgabengebiet. Unsere Aufgabe war es vielmehr, uns um die vier riesig großen Schweine, die zwei kleinen mutterlosen Kälbchen, die 13 Hühner, die vier Vögel, die fünf Hunde, die Katze und den Gemüsegarten sowie um den Kompost zu kümmern. Ebenso war es unsere Aufgabe, für die fünf Ringer, wie sich die australischen Cowboys nennen, zu sorgen, sie zu bekochen und den Haushalt zu schmeißen.

Nach der kleinen Rundtour durch Haus und Umgebung zeigte sie uns unser Zimmer und fragte erneut ob wir uns wirklich sicher seien dies machen zu wollen. Da unser erster Eindruck von dieser Farm sehr gut war und wir uns den Aufgaben durchaus gewachsen fühlten, bejahten wir ihre Frage, sie bedankte sich und fuhr bereits wenige Minuten später auch schon los. Ohne uns.

Da standen wir nun inmitten der Halbwüste und vor uns lagen zwei Wochen unverhoffte Farmarbeit. Wie würden wir diese zwei Wochen verleben? War unser erster Eindruck von der Farm wirklich der Richtige oder sollte uns erneut eine böse Überraschung erwarten? Wir wussten es nicht.


Byron Bay / Brisbane / 2 Nächte in "dem" Horror Hostel

Allgemein — posted_by mellizo1 @ 20:58

Nachdem auch unsere letzten Hoffnungen auf einen Job in Sydney geplatzt waren und wir so ziemlich alle Möglichkeiten der Jobsuche ausgeschöpft hatten, beschlossen wir die Stadt zu verlassen. Da wir uns vorgenommen hatten, die gesamte Ostküste entlang zu reisen, stand bereits nach wenigen Minuten der Überlegung fest, dass unser nächstes Ziel Byron Bay sein würde. Wir wussten zwar nicht, wie groß dieser Ort ist oder ob unsere Chancen auf einen Job dort besser sein würden, waren aber dennoch frohen Mutes und guter Hoffnung.

Um die Weiterreise so günstig wie möglich zu gestalten, erkundigten wir uns im Voraus über Bus- und Bahnpreise, um diese dann vergleichen zu können. Wir suchten dazu das Travelcenter bzw. den Bahnhof Sydneys sowie eine „Wicked Travel“ Filiale auf. „Wicked Travel“ ist eine der unzähligen Reiseberatungsstellen / ein Reisebüro für Backpacker. Anders als erwartet war der Preis für die Zugfahrt um einiges günstiger als der für die Busreise. Als wir uns jedoch am nächsten Tag erneut auf den Weg zum Bahnhof machten, um ein Zugticket zu buchen, hatte sich der Preis bereits erhöht und wir bekamen die kleine aber dennoch sehr entscheidende Information, dass wir zwei mal umsteigen müssten um unser Ziel zu erreichen. Auch die Lage des Bahnhofs am Zielort war eher unvorteilhaft: Wir wären in einem Nachbarort angekommen und hätten dort erneut in einen Bus oder ein Taxi umsteigen müssen. Da durch die plötzliche und unerwartete Preiserhöhung über Nacht der Zugpreis nun über dem Buspreis lag und wir auch sonst mit den Reisebedingungen nicht so zufrieden waren, beschlossen wir nun doch per Bus zu reisen. Bei „Wicked Travel“ angekommen, wurde uns jedoch auch hier ein völlig anderer Preis als am Tag zuvor mitgeteilt. Dennoch war dieser immer noch der geringere und somit buchten wir für 81 aus $ ein Busticket für den „Premier Motor Service“ (ein etwas kleinerer Busbetrieb, der ausschließlich die Ostküste entlang fährt und für diese Strecken meist auch günstiger ist als der „Greyhound Bus“).

Mehr als glücklich über die bevorstehende Veränderung und neuer Hoffnung auf einen Job packten wir unsere Sachen zusammen. Bereits am nächsten Tag checkten wir aus unserem Hostel aus. Da wir uns für den Abendbus um 22.30 Uhr entschieden hatten, um eine Nacht im Hostel zu sparen, mussten wir den letzten Tag ohne Zimmer überstehen.

Leider war der Luggageroom (Gepäckraum) in diesem Hostel kostenpflichtig und somit mussten wir anfangs all unsere Sachen mit uns tragen. Als wir dann ein Pärchen mit dem Magic Stick (interne Bezeichnung für den langen Stab, an dem der Schlüssel zum Gepäckraum hängt) auf dem Weg zum Luggageroom sahen, folgten wir ihnen jedoch unauffällig und nutzten die Chance unsere Rucksäcke und Taschen dort unterzubringen.

Zu unserem Abschied wurden wir dann von einem der Mitarbeiter des Hostels zum Frühstücken eingeladen. Was wir dabei allerdings nicht wussten, war dass wir in ein typisch britisches Restaurant gehen würden. Voller Vorfreude auf ein ausgiebiges Frühstück gingen wir also los. Im Restaurant angekommen sicherte ich uns einen Tisch am Fenster, während meine Freundin und unsere Bekanntschaft die Bestellung an der Bar aufgaben. Nichts ahnend saß ich also an diesem Tisch und war sehr verwundert als meine Freundin plötzlich mit einem Teller ankam, auf dem ich weit und breit weder Brötchen noch Marmelade finden konnte. Stattdessen schmiegten sich fetttriefend Spiegelei, Bacon und mini Würstchen aneinander. Da meine Freundin jedoch nur mit zwei Tellern ankam erwartete ich immer noch naiver und gutmütiger Weise ein anderes Frühstücksmeal zu bekommen. Leider war dem nicht so. Das Frühstück, auf das wir uns so gefreut hatten wurde zu einer Tortur. Da meine Freundin zuvor erzählt hatte, dass ich ein kleiner Nimmersatt sei konnte ich mich auch nicht auf die Ausrede: „Ich bin soooo satt“, verlassen. Ich war also mehr oder weniger gezwungen den noch rosa glänzenden Bacon, sowie das glibberig zerlaufene Spiegelei und das kleine und nahezu verbrannte Würstchen zu essen. Nach drei Stunden hatten wir es dann endlich auch geschafft, unsere mittlerweile auch noch kalten Speisen herunter zu schlingen. Trotz allem bedankten wir uns vielfach für die Einladung zum Frühstück und machten uns mit einer sich ankündigenden Magenverstimmung zurück auf den Weg ins Hostel.

Anders als alle anderen Tage in Sydney wollte dieser Tag leider einfach nicht verstreichen. Draußen regnete es und wir beschlossen uns in die Fernsehecke zu legen um ein wenig zu schlafen. Dies war keine wirklich gute Idee, da ich bereits nach wenigen Minuten von zwei Gruppen von Lebewesen umzingelt war: Die eine Gruppe bestand aus sich laut unterhaltenden Briten. Dies wäre ja noch erträglich gewesen, aber bei der anderen Gruppe handelte es sich um eine Großfamilie von Küchenschaben auf Familienausflug, und damit waren Ruhe und Gemütlichkeit vorbei. Angeekelt und abgenervt warteten wir bis zu unserer Abreise, immer auf der Hut vor den Mitbewohnern. Netterweise begleitete uns einer unserer Bekannten zum Busbahnhof  und verabschiedete uns.

Im Bus fanden wir uns dann zwischen Indern und Öko- Backpackern wieder. Die Fahrt war jedoch kein Problem, wir hatten viel Beinfreiheit und konnten somit sogar einige Stunden schlafen. Neun Stunden später erreichten wir kurz nach Sonnenaufgang eine kleine Raststätte. Nachdem wir einen eher schlechten Kaffe getrunken, das Klo aufgesucht und uns die Beine vertreten hatten ging es auch schon weiter. Nach zwei weiteren Stunden waren wir dann endlich da. Wir stiegen aus dem Bus aus und ignorierten dummerweise die unzähligen Shuttelbusfahrer der jeweiligen Hostels und machten uns somit zu Fuß auf den Weg.

Dennoch schafften auch wir es bereits innerhalb weniger Minuten zu unserem Hostel zu finden, da der Ort sehr klein ist und das Hostel sehr nah an der Bushaltestelle liegt. Unser Hostel hieß "Main Beach Backpackers", lag mehr oder weniger direkt am Strand und war dennoch sehr zentral gelegen. Weniger gut als die Lage war dann jedoch das Zimmer in das wir einzogen. Wir hievten unsere Koffer in den ersten Stock und öffneten die Tür zu einem dunklen, kleinen 8-Bett-Zimmer. Schränke hatten wir leider keine und auch das Erklimmen des Bettes wurde zu einer wahren Herausforderung, da die Leiter anstelle von Stufen nahezu messerscharfe, schmale Stäbe hatte und zudem aus der Verankerung am Bett gerissen war.

Unsere Zimmergenossen setzten sich aus zwei doch eher gefährlich aussehenden Kampfdäninnen, einer Amerikanerin, einer Hippie-Chinesin und zwei mehr als entspannten Deutschen zusammen. Nachdem wir unsere Sachen so gut wie möglich verstaut hatten, ein paar Worte mit den Bettnachbarn, die sich immer noch übermüdet und versoffen in ihren Betten wälzten, gewechselt hatten, machten wir uns auf zu den Duschen. Die Suche nach den sanitären Anlagen / den Duschen wurde durch den doch sehr penetranten Uringeruch, der uns bereits Kilometer vorher entgegenströmte erleichtert. Auch sonst wurde das Duschen eher weniger zum Vergnügen, da die Duschen draußen gelegen waren, kein warmes Wasser hatten, viel zu niedrig angebracht und zu allem Überfluss auch noch total verdreckt waren. Bei einem  Übernachtungspreis von 25 aus $ pro Person in einem überfüllten 8-Bett-Zimmer war dies geradezu eine Unverschämtheit.

Nichts desto trotz waren wir noch immer guten Mutes und machten uns auf den Weg, um Ort und Strand zu erkunden. Unsere Erkundungstour war jedoch bereits nach einer Stunde getan und uns war klar, dass wir in diesem kleinen Urlaubsort nicht nach einem Job zu suchen brauchen. Insgesamt wirkte alles eher etwas amerikanisch angehaucht (breite Straßen, kleine Läden) und verströmte das Flair eines sehr entspannten Urlaubsortes.

Ich persönlich war von allem sehr angetan, während meine Freundin auch durch den atemberaubenden Strand leider nicht zu begeistern war.

Der Strand: Das sind ca. 30 km feinster weißer Sand, der beim Laufen unter den Füßen quietscht, blaues Wasser und surferfreundliche Wellen. Einfach traumhaft! Auch der in Strandnähe gelegene, kleine Wanderweg zum Leuchtturm, von dem aus man mit etwas Glück (wir hatten leider keines) sogar Delfine sehen kann, ist wirklich empfehlenswert. Uns wurde dazu auch erzählt, dass es auf dem Wanderweg einen Punkt gibt, der als der östlichste Punkt Australiens gilt.

Ebenso erfuhren wir von einigen Leuten, dass Byron Bay als ein typischer Hippie-Ort Australiens gilt, wovon wir uns auch später am Abend selber ein Bild machen konnten.

Als wir uns nämlich am Abend auf den Weg zu den Telefonzellen machten, um unseren Familien von den Neuheiten zu berichten, sahen wir unzählige Öko-Leute bzw. Anhänger der alten Hippie-Kultur, die sich zum Musizieren und heiterem Beisammensein auf den Bürgersteigen trafen. Wir vermuteten allerdings, dass diese ebenso wie wir keine Einwohner des Ortes, sondern nur Besucher waren, die wohlmöglich in der Arts-Factory (ein Hippie-Hostel, in dem Übernachtungen im Tippie- Zelt, Kunstkurse etc. angeboten werden) wohnen.

Nachdem wir unsere Familien auf den neuesten Stand gebracht hatten, gingen wir schlafen und verbrachten eine sehr unruhige erste Nacht in Byron Bay. Die Partylaune unserer Mitbewohner hatte sich leider nicht auf uns übertragen, so dass wir einfach nur angenervt waren von dem besoffenen Rumgetorkel durch unser Zimmer. Als ich dann am nächsten Morgen, geprägt von der schlaflosen Nacht auch noch vom Hochbett fiel, weil die Leiter sich während des Hinunterkletterns mal wieder aus der Verankerung löste, war meine Laune schon so ziemlich auf dem Nullpunkt angekommen.

Beim Frühstück stand mir dann auch leider noch das Krisengespräch mit meiner Freundin bevor. Ich hatte bemerkt, dass sie sich mehr als unwohl fühlte und wollte eine Lösung finden. Die Lösung lautete: Weiterreisen! Zwar war ich von dem Ort, der entspannten Stimmung und dem Strand wirklich begeistert, wusste aber auch, dass wir hier keinen Job finden würden und das Hostel nicht nur teuer, sondern auch schlecht war. Hinzu kam die Befürchtung, so wie viele andere Backpacker in Byron Bay in das Chill-Koma zu verfallen, d.h. die Tage entspannt am Strand oder im Bett zu verbringen und alles Andere, inkl. Jobsuche, einfach mal zu vergessen. Also machten wir uns wenige Stunden später auf den Weg und buchten ein Busticket zum Preis von 29 aus $ in die nächstgelegene größere Stadt, nämlich Brisbane.

An unserem letzten Abend trafen wir auf eine unserer Bekanntschaften, die mit zwei Jungs in einem Camper mitgefahren war und nun auch hier gelandet war. Wir beschlossen, uns billigen Alkohol (mal wieder: Goon) zu kaufen und uns auf der Dachterrasse ein paar Gläschen zu gönnen. Der Geschmack dieses Billig-Fusels ist, wie schon einmal bemerkt, nicht unangenehm. Weniger angenehm waren die hämmernden Kopfschmerzen, die sich bereits während der Trinkphase bemerkbar machten aber erst später, in der schlaflosen, von Schweißausbrüchen gekrönten Nacht, ihren Höhepunkt erreichten.

Am nächsten Morgen, dem Tag der Weiterreise, ging es mir dann glücklicherweise wieder gut, so dass die drei Stunden Fahrt nach Brisbane recht angenehm waren. Auch auf dieser vergleichsweise kurzen Strecke wurden in regelmäßigen Abständen Pausen an einem Roadhouse eingelegt, in denen die Möglichkeit bestand, auf die Toilette zu gehen und etwas zu essen oder zu trinken. Denn Essen und Trinken ist auf allen Busfahrten strengstens untersagt.

Auf unserem Weg durchquerten wir das allseits viel gepriesene und hoch gelobte Surfers Paradise und waren mehr als enttäuscht. Weder knackige Surfer-Boys noch schicke Strandhütten, stattdessen endlos hohe Hotelgebäude mit dem unwiderstehlichen Charme von billigen Massenunterkünften. Wie Benidorm, nur eben in Australien.

Kurze Zeit später erreichten wir dann Brisbane. Unser erster Gedanke war: Grässlich hässlich. Und dieser Ersteindruck sollte sich im weiteren Verlauf des Tages noch festigen.

Das Hostel, das wir bereits in Byron Bay gebucht hatten, hatte leider keinen Shuttelservice und somit mussten wir uns mit Sack und Pack zu Fuß auf den Weg machen. Wieder einmal irrten wir planlos durch eine fremde Stadt und mussten feststellen, dass die Entfernung weiter war als gedacht.

Nach mehrmaligem bergauf und bergab erreichten wir die Zielstraße, konnten aber weit und breit kein Hostel finden. Wir suchten noch 10 weitere Minuten und stellten dann fest, dass wir seit geraumer Zeit direkt vor der gesuchten Hausnummer standen. Es war kein Wunder, dass wir diese übersehen hatten, denn statt eines Hostels fanden wir ein kleines Familienhaus in einem ziemlich abgerissenen Zustand vor. Die Hausnummer war auf ein altes, zerfetztes Pappschild geschrieben und auch sonst konnten wir die im Internet präsentierte Außenansicht unserer Bleibe beim besten Willen nicht erkennen. Trotz dieses ersten Schocks hatten wir bis zu diesem Punkt noch die unsinnige Hoffnung auf ein gemütliches, sauberes Zimmer. Wir gingen zum Eingang und entdeckten einen dicken Mann, der es sich in einem alten Sessel gemütlich gemacht hatte und schlief. Leise schlichen wir an ihm vorbei auf der Suche nach einer Rezeption oder ähnlichem.

In einem kleinen, vermüllten Zimmer entdeckten wir eine asiatische Frau, die hinter einem Berg von Papierkram hervorlugte. Wir fragten sie, ob es möglich sei einzuchecken als plötzlich der eben noch schlafende Mann erschien und uns den zu zahlenden Preis für die gebuchten zwei Nächte nannte.

Wenig später wurden wir mit Schlüssel und Bettbezug ins Obergeschoss geschickt. Dies stellte bereits das erste Problem dar, da die Treppe derart schmal und steil war, dass wir nur schwer mit unseren Taschen hinauf kamen. Nun standen wir endlich vor unserer Zimmertür. Eine riesige Tür mit einer kinderfreundlich angebrachten Türklinke in Kniehöhe. Ich schloss die Tür auf und zugleich strömte uns ein unsäglicher Geruch von chinesischem Knoblauch entgegen. „Na ja, wenigsten gibt es hier keine Vampire“, schoss mir durch den Kopf als wir vorsichtig das Zimmer inspizierten. Das Zimmer war klein, dunkel und mehr oder weniger improvisiert. Es wirkte, als würden wir in einem ehemaligen Durchgang oder Flur liegen, da hinter uns, vor uns und neben uns verschlossene Türen waren. Vollkommen erschöpft und niedergeschlagen von diesem Anblick und den ersten Eindrücken unserer Bleibe machten wir uns auf die Suche nach der Quelle des Knoblauchgestanks und fanden in einer Ecke einen überdimensionierten, glänzenden Kochtopf, in dem sich ein Kind hätte verstecken können. Mutig wie wir nun einmal sind öffneten wir den Topf und hatten die Quelle des Gestankes gefunden: Wir konnten es nicht glauben, unfassbar, unsere Zimmergenossen hatten tatsächlich einen großen Topf mit Eintopf chinesischer Art in unserem Zimmer gebunkert!

Kurze Zeit später stürzten die beiden Mitbewohner dann auch in unser Zimmer. Sie waren, wer hätte es gedacht, ebenso wie alle anderen Hostelgäste, Chinesen. Wir versuchten uns mit ihnen auf Englisch zu unterhalten, ihnen klar zu machen, dass sie den Topf doch bitte woanders lagern sollten, aber mal wieder konnten oder wollten sie uns nicht verstehen. Wir beschlossen daraufhin, uns ein wenig in diesem Haus des Grauens umzusehen.

Unser erster Anlaufpunkt war das Bad bzw. der vermoderte Tümpel in dem wir uns waschen sollten. Ein altes, dreckiges, feuchtes, modriges und schimmliges Bad lag vor uns. Es war keines der typischen Hostelbäder, in denen man mehrere Duschen findet, die täglich von einer Putzkolonne gereinigt werden, sondern ein Bad wie man es aus einem Familienhaus kennt, jedoch in einer verdreckten und verwahrlosten Form. Von diesen Badezimmern gab es exakt zwei ebenso wie von den Toiletten, die zwar separat, jedoch nicht weniger alt und verdreckt waren.

Im Untergeschoss fanden wir dann die Küche. Auch diese war klein wie in einem Einfamilien Haus und wie bereits befürchtet ebenfalls total verdreckt. Wir konnten keine Sitzmöglichkeiten finden und gingen deshalb in einen garagenähnlichen Bereich weiter, der wohl das Esszimmer darstellen sollte. Tatsächlich, hier standen ein paar alte Schreibtisch- und Gartenstühle an einem Küchentisch, der jedoch so verdreckt war, dass eine ganze Familie von den dort liegenden Essensresten satt geworden wäre. Das Ergebnis dieser Besichtigungstour waren zwei eindeutige Entscheidungen: 1. Auswärts essen und 2. so schnell wie möglich wieder ausziehen. So machten wir uns auf den Weg in die Stadt und mussten dabei feststellen, dass das Hostel alles andere als zentral lag.

Am späten Abend kamen wir zurück in das zum Hostel umfunktionierte Familienhaus. Um uns nicht noch diverse Hautkrankheiten und Pilze einzufangen, bemühten wir uns, das Bad mit nur minimalen Berührungen zu benutzen. Das funktioniert auch ganz gut, leider wurde ich dabei selbst berührt, und zwar von etwas ganz anderem als einem Wasserhahn oder ähnlichem: Auf meiner Hand platzierte sich während ich mir das Gesicht wusch eine dicke, fette Kakerlake. Jetzt war ich endgültig am Boden. Ekel, Ekel und noch mal Ekel machte sich in mir breit.

Ich legte mich völlig angewidert in mein Bett und bemühte mich, so schnell wie möglich einzuschlafen, um nichts mehr von der Umgebung, in der ich mich befand mitzubekommen. Leider war dies nicht möglich, da vor unserem Zimmer eine kleine Chinesische Hausparty gefeiert wurde und der komplette Raum bei jedem Schritt, der vor der Tür gemacht wurde, bebte.

Am nächsten Morgen machten wir uns auf den Weg zum Bad und wurden von einer ewig langen Schlange von Asiaten überrascht. Wir beschlossen auf unserem Zimmer zu warten und sahen nach drei Stunden des Wartens ein, dass wir wohl auf unsere Dusche verzichten mussten. Wir gingen also bereits schlecht gelaunt zum Frühstück in die Küche. Auf alten, zerfressenen Schreibtischstühlen an dem immer noch dreckigen, mit Zigarettenkippen verzierten Tisch sitzend, kauten wir missmutig unser Toast. Gute Laune kam unter diesen Umständen gar nicht erst auf und entschlossen uns, den Tag in der Stadt zu verbringen.

Nach der Rückkehr am Abend beschlossen wir trotz der eigentlich unhaltbaren hygienischen Situation in der Küche eine Suppe zu kochen. Es war bereits 21.00 Uhr und wir wurden von dem alten, dicken Hausbesitzer alles andere als freundlich darauf hingewiesen, dass er um Punkt 22.00 Uhr die Küche abschließen würde und wir nun gar nicht mehr mit dem Kochen beginnen sollten. Wir reagierten nach dem Prinzip: „Eine Minute dumm stellen erspart Arbeit und Ärger“, und gingen dennoch in die Küche. Da war er! Der glänzende, kindergroße Kochtopf. Er stand auf der Herdplatte und immer wieder kamen irgendwelche Asiaten und schöpften sich etwas in ihre Schalen. Eine Prozedur, die sich dann am nächsten Morgen wiederholen sollte. Wir haben nicht herausgefunden, was für ein Gemisch sich in dem Topf befunden hat, es war in jedem Fall undefinierbar und eindeutig ekelig, aber offensichtlich nicht gefährlich, denn Lebensmittelvergiftungen hat es unter den asiatischen Mitbewohnern während unseres Aufenthaltes nicht gegeben.

Wir waren mehr als glücklich als wir nach zwei Tagen dieses Haus, das übrigens den klangvollen und völlig irreführenden Namen „Valley Veranda“ führt, verlassen konnten. Es war zwar vergleichsweise günstig, aber auch ein Preis von 24 aus $ pro Nacht in einem Vier-Bett-Zimmer war für diese Horror-Unterkunft zu viel.

Auch noch Tage später fragten wir uns, was diesen alten, dicken Mann wohl dazu getrieben hatte sein eigenes Haus zu einem derart schlechten und improvisierten Hostel umzufunktionieren.


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